Der Marathonläufer

Der Marathonläufer sah schon das flatternde Band am Ende der Zielgeraden auftauchen, da wurde ihm rot und schwarz vor Augen.

Auf einem kleinen Stein, der – scharfkantig wie er war – auf der Seite gelegen hatte und, weil der Sportler versehentlich mit der Innenkante seines linken Schuhs auf ihn getreten war, auf die Seite gerollt, ihm den Halt unter den Füßen weggezogen und Knie, Hüfte und Oberkörper erst zum Schwanken, dann aus dem Gleichgewicht gebracht hatte – auf diesem kleinen Stein hatte ein Käfer gesessen, ein Marienkäfer, einer mit zwei Punkten – schwarz auf rot.

Warum er dort gesessen hatte, der Käfer, und warum der Marathonläufer nach mehr als 42 Kilometern am Rande seines Blickfeldes dieses Lebewesen mehr erahnt als wirklich gesehen hatte, so dass er einen Augenblick – einen winzigen Augenblick! – lang gezögert und deshalb den Schritt unsauber gesetzt hatte, das wird ebenso ein Geheimnis bleiben wie die Antwort darauf, warum die Sonne aufgeht oder im Jemen Bomben fallen.

Der Käfer jedenfalls flog auf, schwebte eine kurze Weile auf Augenhöhe mit dem Gefallenen, drehte dann ab und flog davon.

Der Marathonläufer aber, der den kleinen Käfer so lebendig sah, gab Ehrgeiz, Disziplin und Schufterei auf, zog die Schuhe von den schmerzenden Füßen und verbrachte den Rest seines Lebens damit, sich Flügel wachsen zu lassen, genau solche Flügel, wie der kleine Käfer sie hatte: mit zwei Punkten – schwarz auf rot.

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